Kein Operationsplan reicht über das erste Zusammentreffen hinaus: Helmuth von Moltkes Aufsatz 'Über Strategie' (1871)
Analyse und vollständiger Originaltext (Ausgabe 1900, Band II.2, S. 287–293) von Helmuth von Moltkes berühmtem Aufsatz 'Über Strategie' aus dem Jahre 1871.
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Kaum ein militärtheoretischer und strategischer Gedanke wird in der modernen Systemtheorie, der Softwarearchitektur und im strategischen Management häufiger zitiert als der Satz: „Kein Operationsplan reicht mit einiger Sicherheit über das erste Zusammentreffen mit der feindlichen Hauptmacht hinaus.“
Verfasst wurde dieser berühmte Text im Jahre 1871 – unmittelbar nach dem Deutsch-Französischen Krieg – von Generalfeldmarschall Helmuth Graf von Moltke (1800–1891). Veröffentlicht wurde er im Sammelwerk Moltkes Militärische Werke, Abteilung II (Die Thätigkeit als Chef des Generalstabes der Armee im Frieden), Zweiter Theil: Taktisch-strategische Aufsätze aus den Jahren 1857 bis 1871 (Berlin: E. S. Mittler und Sohn, 1900, S. 287–293).
Da in digitalen Bibliotheken (wie Google Books und dem Internet Archive) die Bände I.2 und II.2 unter demselben Reihentitel oft verwechselt werden, haben wir den vollständigen Originaltext aus der Fraktur-Ausgabe von 1900 (Band II.2, S. 287–293) sorgfältig transkribiert und gemeinsam mit einer türkischen und englischen Übersetzung für Tech&Lab zusammengestellt.
Warum Moltkes Aufsatz von 1871 zeitlos ist
- Bereitstellung (Aufmarsch) vs. Operationen: Während die Bereitstellung der Mittel und die anfängliche Systemarchitektur präzise im Voraus geplant werden können (und müssen), trifft jedes Handeln im operativen Verlauf sofort auf einen unabhängigen gegnerischen Willen.
- Strategie als „System der Aushülfen“: Starre Dogmen und theoretische Lehrsätze versagen in der Praxis. Strategie ist die Übertragung des Wissens auf das praktische Leben – die kontinuierliche Fortbildung des ursprünglich leitenden Gedankens unter ständig wechselnden Bedingungen.
- Wahrscheinlichkeitskalkül im Nebel der Ungewißheit: Zufälle, Reibungsverluste und unvorhersehbare Störungen lassen sich nicht beherrschen; wer jedoch in jedem Einzelfall das Verständige anordnet, behält auf lange Sicht die Wahrscheinlichkeit des Erfolges auf seiner Seite.
Vollständiger Originaltext (Deutsch, Ausgabe 1900) — Moltkes Militärische Werke, II.2, S. 287–293
Vorbemerkung (S. 289): Der nachfolgende Aufsatz des Generalfeldmarschalls Grafen v. Moltke „Ueber Strategie“ ist bald nach dem Kriege 1870/71 niedergeschrieben worden und wird im Original im Kriegsarchiv des Großen Generalstabes in Berlin aufbewahrt; er hat bereits zum Theil in dem 1872 erschienenen ersten Hefte des Generalstabswerkes über den Deutsch-Französischen Krieg S. 72 Verwendung gefunden und ist außerdem im Jahre 1890 im Heft 13 der Kriegsgeschichtlichen Einzelschriften im vollen Wortlaut abgedruckt worden.
Trotz der wiederholten Veröffentlichung durfte diese Abhandlung nicht weggelassen werden, wo es sich darum handelt alle diejenigen mehr oder weniger theoretischen Arbeiten des Generals v. Moltke zusammenzustellen, aus denen sich die Entwickelung seiner Auffassung von Krieg und Kriegführung, vom Beginn seiner Thätigkeit als Generalstabschef bis zum Höhepunkt seiner Feldherrenthätigkeit, erkennen läßt.
Aufsatz vom Jahre 1871 „Ueber Strategie“
Die Politik bedient sich des Krieges für Erreichung ihrer Zwecke, sie wirkt entscheidend auf den Beginn und das Ende desselben ein, so zwar, daß sie sich vorbehält in seinem Verlauf ihre Ansprüche zu steigern oder aber mit einem minderen Erfolg sich zu begnügen.
Bei dieser Unbestimmtheit kann die Strategie ihr Streben stets nur auf das höchste Ziel richten, welches die gebotenen Mittel überhaupt erreichbar machen. Sie arbeitet so am besten der Politik in die Hand, nur für deren Zweck, aber im Handeln völlig unabhängig von ihr.
Die nächste Aufgabe der Strategie ist die Bereitstellung der Streitmittel, der erste Aufmarsch der Armee. Es kommen dabei die vielseitigsten politischen, geographischen und staatlichen Erwägungen in Betracht. Ein Fehler in der ursprünglichen Versammlung der Heere ist im ganzen Verlauf des Feldzuges kaum wieder gut zu machen. Aber diese Anordnungen lassen sich lange vorher erwägen und — die Kriegsbereitschaft der Truppen, die Organisation des Transportwesens vorausgesetzt — müssen sie unfehlbar zu dem beabsichtigten Resultat führen.
Anders verhält es sich bei der weiteren Aufgabe der Strategie: die kriegerische Verwendung der bereitgestellten Mittel, also bei den Operationen.
Hier begegnet unserem Willen sehr bald der unabhängige Wille des Gegners. Diesen können wir zwar beschränken, wenn wir zur Initiative fertig und entschlossen sind, vermögen ihn aber nicht anders zu brechen, als durch die Mittel der Taktik, durch das Gefecht.
Die materiellen und moralischen Folgen jedes größeren Gefechtes sind aber so weitgreifender Art, daß durch dieselben meist eine völlig veränderte Situation geschaffen wird, eine neue Basis für neue Maßregeln. Kein Operationsplan reicht mit einiger Sicherheit über das erste Zusammentreffen mit der feindlichen Hauptmacht hinaus. Nur der Laie glaubt in dem Verlauf eines Feldzuges die konsequente Durchführung eines im voraus gefaßten, in allen Einzelheiten überlegten und bis ans Ende festgehaltenen, ursprünglichen Gedankens zu erblicken.
Gewiß wird der Feldherr seine großen Ziele stetig im Auge behalten, unbeirrt darin durch die Wechselfälle der Begebenheiten, aber die Wege, auf welchen er sie zu erreichen hofft, lassen sich auf weit hinaus nie mit Sicherheit feststellen. Er ist im Laufe des ganzen Feldzuges darauf angewiesen eine Reihe von Entschlüssen zu fassen auf Grund von Situationen, die nicht vorherzusehen sind. Alle aufeinander folgenden Akte des Krieges sind sonach nicht prämeditirte Ausführungen, sondern spontane Akte, geleitet durch militärischen Takt. Es kommt darauf an in lauter Spezialfällen die in den Nebel der Ungewißheit gehüllte Sachlage zu durchschauen, das Gegebene richtig zu würdigen, das Unbekannte zu errathen, einen Entschluß schnell zu fassen, und dann kräftig und unbeirrt durchzuführen.
Zu der Rechnung mit einer bekannten und einer unbekannten Größe — dem eigenen und dem feindlichen Willen — treten noch dritte Faktoren, die sich vollends jeder Voraussicht entziehen, Witterung, Krankheiten und Eisenbahnunfälle, Mißverständnisse und Täuschungen, kurz alle die Einwirkungen, welche man Zufall, Verhängniß oder höhere Fügung nennen mag, die aber der Mensch weder schafft noch beherrscht.
Und doch ist dadurch die Kriegführung der blinden Willkür nicht verfallen. Ein Wahrscheinlichkeitskalkül müßte ergeben, daß alle jene Zufälligkeiten schließlich eben so oft zum Schaden oder Vortheil des einen wie des anderen Theiles gewesen sind, und der Feldherr, welcher in jedem Einzelfall, wenn nicht das Allerbeste, so doch das Verständige anordnet, hat immer noch Aussicht sein Ziel zu erreichen.
Es liegt auf der Hand, daß dazu theoretisches Wissen nicht ausreicht, sondern daß hier die Eigenschaften des Geistes wie des Charakters zur freien praktischen, zur künstlerischen Entfaltung gelangen, geschult freilich durch militärische Vorbildung und geleitet durch Erfahrungen, sei es aus der Kriegsgeschichte oder aus dem Leben selbst.
Ueber den Ruf eines Feldherrn freilich entscheidet vor Allem der Erfolg. Wieviel davon sein wirkliches Verdienst, ist außerordentlich schwer zu bestimmen. An der unwiderstehlichen Gewalt der Verhältnisse scheitert selbst der beste Mann, und von ihr wird ebenso oft der mittelmäßige getragen. Aber Glück hat auf die Dauer doch zumeist wohl nur der Tüchtige.
Wenn nun im Kriege, vom Beginn der Operationen an, Alles unsicher ist, außer was der Feldherr an Willen und Thatkraft in sich selbst trägt, so können für die Strategie allgemeine Lehrsätze, aus ihnen abgeleitete Regeln und auf diese aufgebaute Systeme unmöglich einen praktischen Werth haben.
Erzherzog Carl zwar erklärt1 die Strategie für eine Wissenschaft, die Taktik für Kunst. Er muthet der „Wissenschaft der obersten Feldherrn“ zu, daß sie „den Gang der kriegerischen Unternehmungen bestimmen“, die Kunst habe nur die strategischen Entwürfe auszuführen.
General v. Clausewitz hingegen sagt:2 „Strategie ist der Gebrauch des Gefechts zum Zweck des Krieges“ und in der That gewährt die Strategie der Taktik die Mittel zum Schlagen und die Wahrscheinlichkeit, zu siegen durch die Leitung der Armeen und ihr Zusammentreffen auf dem Kampfplatz. Andererseits aber eignet sie sich auch den Erfolg jeden Gefechts an und baut auf demselben weiter. Vor dem taktischen Siege schweigt die Forderung der Strategie, sie fügt sich der neu geschaffenen Sachlage an.
Die Strategie ist ein System der Aushülfen. Sie ist mehr als Wissenschaft, ist die Uebertragung des Wissens auf das praktische Leben, die Fortbildung des ursprünglich leitenden Gedankens entsprechend den stets sich ändernden Verhältnissen, ist die Kunst des Handelns unter dem Druck der schwierigsten Bedingungen.